Wie man sagt: was ich „liebe“, das „meine“ ich. Lieben heißt meinen. Nach den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts gehört die Vielfalt der Musik, wenn einer sie liebt, zur Meinungsfreiheit. Vorwiegend geht es in diesen Filmen um Hoffnung. Auch ohne Grund wird von ihr gesprochen und gesungen. Die Bandbreite der Gäste von Alexander Kluge, dem am 26. März der Grimme-Preis für sein Lebenswerk verliehen wird, reicht von Richard Wagner über Christoph Schlingensief, Peter Weibel, DJ Shake aus Detroit, Helge Schneider in der Rolle von Wolfgang Amadeus Mozart bis zu Bernhard Lang, Heiner Goebbels, Verdi und T.W. Adorno. Außerdem in zwei Filmen vor der Kamera: Alexander Kluges Tochter Sophie.
Folgende Filme bilden ab Freitag, dem 26. Februar 2010, die Themenschleife „Wer immer hofft, stirbt singend“:
Gesang der Fische: „Die Erde ist
gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“. Aus: WIE
ULFRU FISCHT von Franz Schubert mit Jan Czajkowski.
An sich sind Fische stumm. Zur Frage, ob es Hoffnung gibt,
gibt ihnen Franz Schubert eine Stimme. Dies ist T.W.
Adornos Lieblingsstück von Schubert.
Wer immer hofft, stirbt singend. Wieso aktuelle Schrecken
trösten können.
Dem Menschen ist die Hoffnung von Anbeginn mitgegeben. Sie
ist Teil der Evolution. Sie gehört zur Wesensart des
Blauen Planeten, zur Pflanzen-, Tier- und Mineralienseele
und ist auch eine Sache der Gestirne. Die Gelehrten
bezeichnen dieses Gefühl als Ur-Vertrauen.
Ein besonderes Beispiel für einen Menschen, Der immer
hoffte und singend zugrunde ging ist Antoine Billot. Bei
einem Eisenbahnzusammenstoß überlebte er. Eine
Betondecke stürzte ein, ihm geschah nichts. Bei einer
Überschwemmung hing er am Obersten Ast eines Baumes; im
rechten Moment erreichten ihn die Retter. Im Krieg wurden
Schwerverwundete aus dem Flugzeug gestürzt: er fiel weich
auf einen Misthaufen. Ein ungewöhnlich glücklicher
Mensch inmitten von so viel Zufall und Unglück. Ein
Musikmagazin mit Lena Banda Sonora.
Ensemble mit Chor im letzten Akt der Oper NEBUKADNEZAR von
Guiseppe Verdi. Mit dem Dirigenten John Fiore am
Klavier.
Giuseppe Verdis erster durchschlagender Opernerfolg
NABUCCO handelt von den Hebräern, die an den Flüssen
Babylons gefangengehalten wurden an von der Schändung
ihres Heiligtums durch den mächtigen König Nebukadnezar.
„Wann kommt er, der Vernichtungsschlag, an dem die Welt
zusammenkracht?“ Christoph Schlingensief aus Anlass der
Inszenierung von DER FLIEGENDE HOLLÄNDER von Richard
Wagner in Manaos.
Nach seinem Parsifal in Bayreuth inszenierte Christoph
Schlingensief in Brasilien einen legendären FLIEGENDEN
HOLLÄNDER in der ehemaligen Gummi-Metropole Manaos am
Amazonas. Die Stadt besitzt ein großes Opernhaus, in dem
schon Werner Herzog drehte.
„Ach! Ohne Hoffnung, wie ich bin, geb´ ich der Hoffnung
doch mich hin!“. DER FLIEGENDE HOLLÄNDER an der
Staatsoper Stuttgart.
Den Satz „Ach! Ohne Hoffnung ...“ sagt der „bleiche
Mann“, der Held Wagners, der, von Gott zu ewiger
Sturmfahrt in den Meeren verurteilt, nach der Erlösung
durch eine ihm treue Frau sich sehnt. In dem neuen Roman
LUFT UND LIEBE von Anne Weber heißt es, „Meine Hoffnung
war wie bei einem Fahrzeug, das auf glattem Eis plötzlich
gebremst wird, noch 100 Meter weiter gerutscht. Es war
meine eigene Hoffnung.“ Hoffnung lässt sich nicht
bremsen, so wenig wie sich das „Ur-Vertrauen“ auf
aufzehrt. Menschen leben davon.
Der fliegende Robert. Von H. M. Enzensberger. Musik:
Robert Schumann.
DER FLIEGENDE ROBERT ist ungehorsam. Bei Sturm und Regen
verlässt er das Haus. Sein Regenschirm aber hebt ihn in
die Lüfte. Eine Geschichte von Dr. Heinrich Hoffmann.
Revitalisiert von H.M. Enzensberger.
Landschaft mit entfernten Verwandten. Von Heiner Goebbels.
Heiner Goebbels war Mitbegründer des "Sogenannten
linksradikalen Blasorchesters". In "Landschaft mit
entfernten Verwandten" arbeitete er mit dem ensemble
modern, einer Spitzengruppe von Musikern. Er entwickelte
mit ihnen die Form der TABLEAUS FÜR DAS MUSIKTHEATER,
eine Innovation. In einer seiner jüngsten Kompositionen,
"Stifters Dinge", eröffnet er unerwartete
Erfahrungshorizonte für den Zuschauer. Begegnung mit dem
Komponisten Heiner Goebbels und seinem Musiktheater.
Treu bis in den Tod. Richard Wagner, DER FLIEGENDE
HOLLÄNDER. Finale der Urfassung an der Staatsoper
Stuttgart.
Richard Wagners dramatische Ballade DER FLIEGENDE
HOLLÄNDER in der Urfassung von 1841 an der Staatsoper
Stuttgart. Diese radikalere Version des Stückes (gespielt
in einem Akt) wurde 20 Jahre vor der von Wagner
überarbeiteten Endfassung, die in Bayreuth gespielt
wurde, in Paris uraufgeführt.
Inszenierung: Calixto Bieito. Musikalische Leitung:
Enrique Mazzola. Dramaturgie: Xavier Zuber. Eine
aufregende Aufführung.
„Was mein ist, ist mein.“ Mit Peter Weibel und dem
Morphila-Orchester.
Der media-artist, Autor, Musiker und Leiter des
Zentralinstituts für Kunst und Medien (ZKM Karlsruhe):
unverwechselbar Peter Weibel. Seine Theorien der Moderne,
der Öffentlichkeit und der Kunst sind bahnbrechend. Seine
eigenen künstlerischen Arbeiten antworten direkt auf die
authentische Lebenserfahrung heutiger Menschen. Einer
seiner Schlager: „Was mein ist, ist mein.“
Aus: LA DIDONE. Oper von Francesco Cavalli (1641). Mit Jan
Czaikowski.
Eine Klangfarbe aus den Anfängen der Oper.
Unverwechselbar die venezianischen Opern von Francesco
Cavalli, dem unmittelbaren Nachfolger von Claudio
Monteverdi, der die westliche Operntradition begründete.
LA DIDONE handelt von der Affäre des Flüchtlings aus
Troja Aenaeas mit der Königin von Karthago, Dido. Für
Heiner Müller war LA DIDONE ein Schlüsselerlebnis: wer
das Unheil Trojas an den Füßen trägt, tötet die
schöne Königin Dido und wird dann Gründer von Rom:
Aenaeas. Dreihundert Jahre später töten die Römer die
Elefanten Karthagos und zuletzt verbrennen sie Korinth.
Damit den Griechen das geschieht, was sie Troja antaten.
Kreislauf der Rache (so Heiner Müller).
„Die Welt ein Tor zu 1.000 Wüsten stumm und kalt“.
Peter Weibel und das Morphila-Orchester zu einem Text von
Friedrich Nietzsche.
Friedrich Nietzsches Gedicht über den Einbruch des
Winters erschüttert. Peter Weibel hat es als Nietzsche
Rock vertont.
Tausend musikalische Plateaus. Musik und Philosophie nach
Deleuze. Mit Bernhard Lang.
Mit seiner Oper "I hate Mozart" und seinem Zyklus
"Differenz/Wiederholung (D/W)" faszinierte der Komponisit
Bernhard Lang seine Hörer in der Konzertreihe "Wien
modern". Er stützt sich dabei auf sein untrügliches Ohr
und zugleich auf die Philosophie von Gilles Deleuze und
Felix Guattari. Gilles Deleuze schrieb "Differenz und
Wiederholung" (franz. "Difference et répétition") und,
gemeinsam mit Guattari, "1000 Plateaus". Begegnung mit
Bernhard Lang und seiner Musik.
Im wunderschönen Monat Mai. Musik von Francesco Cavalli.
Mit Sir Henry und Sophie Kluge.
Die Mozart-Lüge. Mit Helge Schneider.
Starb Mozart so jung, wie immer behauptet wird? Dagegen
spricht, behauptet Helge Schneider, die allseitige
Gegenwart dieses Musikers in Film, Funk und Fernsehen. Was
an der Mozart-Lüge wahr ist, meint Schneider, kann nur
Wolfgang selbst beantworten.
Aus: LA CENERENTOLA. Musik von Gioachino Rossini.
Die bezaubernde Oper "La Cenerentola" ("Aschenputtel") von
Rossini umfasst schönste Passagen des Belcanto und
Ensemble-Sätze von mechanischer Verrücktheit.
Eine Frau voller Lebensgier. Giuseppe Verdi, TRAVIATA,
3. Akt. Inszenierung von Hans Neuenfels an der Komischen
Oper Berlin.
Der Originaltitel von Verdis Oper TRAVIATA (= "die vom
Wege Abgekommene") hieß: Liebe und Tod. Der starke
emotionale Gehalt dieser Oper machte sie zur Oper aller
Opern.
So ein Tag, so wunderschön wie heute. Mit Sir Henry und
Sophie Kluge.
Detroit Techno. Mit DJ Shake.
In den frühen 70er Jahren entwickelte die deutsche Gruppe
KRAFTWERK einen neuen Musikstil. Der Detroit-Tekkno von
heute empfindet sich als direkten Nachkommen von
KRAFTWERK, den „weißen Göttern“. Es geht um einen
schnellen, relativ harten Schlag, mit der Betonung auf der
Eins. Zu dem modernen Detroit-Tekkno der härteren Gangart
gehört DJ Shake. Sein bürgerlicher Name ist Antony
Shakir und ursprünglich heißt er eigentlich Toni
Coleman. Sein Label nennt er "Frictional", abgeleitet von
Friction = Reibung.
Valsette. Von Theodor W.
Adorno (1945). Mit Heather O’Donnell.
Der Begründer der Frankfurter Kritischen Theorie, T.W.
Adorno, war als Komponist Schüler von Alban Berg. Der
kurze Walzer von 1945, atonal, gehört zu den Kleinoden in
seiner Arbeit. Eine Aufführung aus Anlass des
Adorno-Preises 2009. Mit der U.S.-Pianistin Heather
O’Donnell.
Ein Blick ins Jenseits und wieder zurück. Aus der
Generalprobe des Musiktheaters Mea Culpa von Christoph
Schlingensief an der Bayrischen Staatsoper.
Der grandiose Erfolg von Schlingensiefs MEA CULPA am
Burgtheater Wien bestätigte sich an der Bayrischen
Staatsoper München. Der ehemalige Burgtheater-Chef,
jetzige Staatsintendant der Münchner Staatsoper Klaus
Bachler, hatte das Stück an das renommierte Haus geholt.
Schlingensiefs barockes Requiem verbindet die Krebs- und
Todeserfahrung des Künstlers und Wagner Parsifal und
Tristan mit einem strikten Bekenntnis zum Diesseits. Das
Leben hier mag so absurd sein, wie es will, der
Protagonist Schlingensief hat kein Verlangen nach einem
vorzeitigen Elysium. Musikalische Leitung von
Schlingensief selbst. Ein engagiertes Team und ein
bejubelter Musiktheaterabend in der Staatsoper.
„Ein Schelm ist ein Körper mit Augen“. Musik
von Donizetti. Jan Czaikowski, Klavier.
Der Ausdruck „ Ein Schelm ist ein Körper mit Augen“
stammt von dem französischen Dichter der Groteske Jean
Rabelais.
Heiner Goebbels. Stifters Dinge. Klangprobe am Flügel.
HommeBombe. Aus: Landschaft mit entfernten Verwandten. Von
Heiner Goebbels.
„Un mare di sangue“ (ein Meer von Blut) aus der Oper
NEBUKADNEZAR von Guiseppe Verdi. Der Dirigent John Fiore
am Klavier.
Von Russland geliebt, von Stalin verboten. Tango-König
Leschtschenko.
Er war der Leiseste der Konterrevolutionäre. Er
argumentierte mit seiner Musik: Tan-gokönig Pjotr
Konstantinowitsch Leschtschenko. Die Tangos, meist aus dem
Jahr 1935, blieben erhalten, weil sie auf ausgediente
Röntgenplatten schwarz gepresst wurden illegal. Die
Härte des Materials garantiert für Qualität und
Überlebensdauer. Die Tangos klingen anders als spanische
und südamerikanische. Der eindringliche Rhythmus
begleitet Liebestexte. Die Texte gehen aber auch darauf
ein, dss sie in einer Zeit entstehen, in der es heißt:
"Ach, wie mörderisch wir lieben". Der Tangokönig fiel
bei Stalin rasch in Ungnade. Von der Bühne herab
verhaftet, starb er 1954 in einem Lager.
Direktlink zur Themenschleife:
http://www.dctp.tv/musik-wer-immer-hofft-stirbt-singend/
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